Yoga in Zeiten des Coronavirus

„Corona kam wie ein Tsunami über uns“, sagte der italienische Arzt Raffaele Bruno in einem Interview. Wir alle haben die Berichte aus Italien vernommen, haben verfolgt, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Und wir alle haben geglaubt, dass dieser Kelch an uns vorbei geht. Dass es bei uns schon nicht so schlimm werden wird. Ja, auch wir im Mattengold haben gehofft, dass es irgendwie weitergeht, einfach deshalb, weil es weitergehen muss. Jetzt sehen wir, wie naiv das war.

Die Menschheit dachte zu lange, sie sei unverletzlich. Nicht Teil der Natur, sondern Herrscher über die Natur, könne sich die Welt so gestalten, wie es ihr gefällt, sie ausbeuten, ja missbrauchen.

Doch nun „hat Natur mit den Fingern geschnippt“, wie SPIEGEL-Redakteur Stefan Kuzmany es nicht besser hätte beschreiben können. „Ein Virus ist mutiert, es verbreitet sich. Es ist gefährlich. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher, unser bisheriges Leben ist erst einmal vorbei. Wir wissen es vielleicht noch nicht, aber langsam dämmert es: Wir leben ab jetzt als Patienten. Die Welt ist ein Krankenhaus.“

Was gerade passiert, ist eine Zäsur. Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Je schneller wir diese Tatsache anerkennen, desto besser. Sars-CoV-2 ist in der Welt, und es wird nicht mehr aus der Welt verschwinden. Das Virus ist in unseren Köpfen, in unseren Herzen und mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später auch in unseren Körpern. Es wird unser Selbstverständnis verändern, die Art wie wir leben und wie wir zusammenleben. Es wird tektonische Verschiebungen in der Wirtschaft auslösen und die globale Ökonomie neu ordnen. Und vielleicht, mit ganz viel Glück, wird ein neues Bewusstsein in der Welt entstehen.

Yoga ist jetzt!

atha yogānuśāsanam lautet der erste Vers des Yogasutra von Patanjali: Nun ist es soweit. Die Einführung in Yoga beginnt. Oder auch, etwas freier übersetzt: Yoga ist jetzt!

Welche Bedeutung dieser Vers in Zeiten des Coronavirus doch auf einmal bekommt, wo das Gestern irrelevant geworden ist und das Morgen völlig ungewiss, wo nur noch der Augenblick zählt und schon in wenigen Stunden alles wieder ganz anders sein kann. Jetzt ist der beste Zeitpunkt, um in den Yoga einzutauchen, denn einen besseren Zeitpunkt als den Augenblick gibt es nicht. Es gibt keinen Grund und keine Ausreden, irgendetwas in die Zukunft zu verschieben. Nur das Jetzt zählt, und sonst gar nichts. All das ist gemeint mit diesem ersten Vers des Yogasutra.

Der Yoga, von dem Patanjali spricht, hat nicht viel zu tun mit dem, was die meisten Yogaübenden der westlichen Welt unter Yoga verstehen, nämlich das Praktizieren von Yogaübungen im Yogastudio oder via YouTube-Videos zu Hause. Yoga ist ein Übungsweg, das war schon vor 2.000 Jahren so, als das Yogasutra geschrieben wurde. Die Asanas, die Körperübungen, die wir heute praktizieren, sind ein Teil dieses Übungsweges. Aber Yoga ist auch ein Zustand: ein Zustand absoluter Stille und völliger Klarheit, in dem ein intuitives Wissen um das Wesen der Welt entsteht. Und darum geht es im zweiten Vers des Yogasutra: yogaś-cittavṛittinirodaḥ – wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen, wird der Zustand des Yoga erreicht.

Sicher, davon sind wir im Moment weit entfernt, denn alles dreht sich in unseren Köpfen. Alles dreht sich um Corona, so viele Fragen, existenzielle Fragen, aber keine Antworten, nur Ungewissheit. Und doch ist irgendetwas zur Ruhe gekommen. Nicht in den Krankenhäusern, wo Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern bis zur totalen Erschöpfung und Selbstaufgabe versuchen, den viel zu vielen schwer Erkrankten zu helfen, und natürlich auch nicht bei den Betroffenen selbst, den Erkrankten und den Angehörigen der Gestorbenen. Aber wenn man sich etwas abseits bewegt und achtsam ist, dann kann man spüren, dass sich etwas verändert hat. Auf einmal begegnen einem die Menschen mit interessiertem Blick. Man hält ein Schwätzchen über die Straße hinweg, und obwohl man Abstand hält, ist da oft eine ungekannte Nähe. Die Menschen sind ernst, aber in keiner Weise panisch. Fast fühlt es sich an, als würden sie aufatmen. Als würden sie zu sich selbst finden und zur Ruhe kommen in diesem unerwarteten Shutdown.

Wenn man nicht nur die Katastrophenmeldungen der Nachrichtenportale und in den sozialen Medien liest, dann kann man überall auch diese anderen Berichte finden: vom blauen Himmel über Wuhan, der schon so lange nicht mehr zu sehen war; vom klaren Wasser in Venedig und den Delphinen und Fischen, die zurückgekehrt sind in die Kanäle; von den Vögeln, die auf einmal wieder lauter und fröhlicher ihre Lieder zwitschern. Nicht nur die Menschen scheinen aufzuatmen und zur Ruhe zu kommen, sondern auch die Natur.

„Mitten im Shutdown der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks oder über fast leere Plätze“, schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem großartigen Essay ‚Die Welt nach Corona‘. „Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.“

Klar, es gibt auch die andere Seite. Die Hysterischen, die Hamsterkäufer, jene, welche Covid 19 immer noch für eine etwas andere Grippe halten, und jene, die sich aufblasen, weil sie sich ihrer Freiheitsrechte beraubt sehen. Wie in jeder Extremsituation, so tritt eben auch in der Coronakrise sowohl das Gute in den Menschen zu Tage als auch das Schlechte. Aber das Gute scheint doch eindeutig zu überwiegen. Die Menschen spüren, dass wir diese Krise nur einigermaßen unbeschadet überstehen können, wenn alle zusammenhalten, und nicht, wenn jeder für sich selbst kämpft. Fast alle rücken zusammen, obwohl – oder gerade weil – sie physischen Abstand halten müssen.

Alles ist Yoga

Was wir im Yoga üben, geht weit über die körperliche Praxis auf der Yogamatte hinaus. „Das ganze Leben ist doch Yoga“, sagte Nina Hagen in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Jahre 2005, man müsse nur geduldig Lebenserfahrung sammeln, um das zu begreifen. „Yoga ist nicht nur die Bewegung, sondern es ist das Bedürfnis eines jeden Menschen, sich körperlich und seelisch wieder daran zu erinnern, dass der menschliche Körper eigentlich göttlich ist. Und dass die Erfahrungen, die wir machen, göttlich sein können.“

Das Fundament einer jeden Yogapraxis sind ethische Werte wie Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit. Sie gilt es zu entwickeln und zu verinnerlichen. Yoga ist permanente Selbstbeobachtung und Selbstreflexion, das ständige Bestreben, zu wachsen, bewusster und menschlicher zu werden. Selbstlosigkeit und Solidarität – das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Eintretens für einander –, genau diese Werte also, die wir jetzt in der Coronakrise so dringend benötigen, sind Tugenden, die im Yoga bewusst kultiviert werden.

In der Stille finden wir zu Klarheit im Geiste und im Herzen. Durch Achtsamkeit und Entschleunigung lernen wir, nicht unmittelbar und impulsiv zu reagieren, sondern den Zeitraum zwischen Reiz und Reaktion zunächst bewusst wahrzunehmen, dann zu vergrößern, um schließlich immer öfter klar, aber ohne zu verletzen zu handeln.

Covid 19 fordert unglaublich viele Opfer, schon jetzt, sorgt für Leid und Schmerz rund um den Globus. Für die Überlebenden könnte die Vollbremsung, die die Welt gerade hinlegt, deshalb trotzdem auch eine Chance sein.

Ein neuer Mensch

„Ein neuer Tag ist angebrochen, ein neuer Morgen dämmert, ein neuer Mann, eine neue Frau zeigen sich am Horizont. Der neue Mensch ist integral, und das gilt auch für seine Spiritualität“, schrieb der amerikanische Philosoph Ken Wilber in seinem 2006 erschienenen Buch Integrale Spiritualität.

Ist die Zeit des integralen Menschen nun gekommen? Wirkt das Virus womöglich als Evolutionsbeschleuniger, wie Matthias Horx es für möglich hält? Kommt es zu einer Weiterentwicklung des Menschseins?

Der integrale Mensch hat die Fähigkeit, aus einer Art Beobachterposition heraus auf die Welt zu schauen. Intuitiv versteht er die Bedeutung und Notwendigkeit verschiedener Kulturen und Weltsichten, und so ist er in der Lage zwischen diesen zu vermitteln. Zu den Konservativen sagt er: Ihr mit euren traditionellen Ansichten zu Familie und Nation, mit euren Hierarchien und klaren Strukturen, eurem Bedürfnis nach Recht und Ordnung, ihr habt recht! Aber nur ein bisschen. Den Materialisten, Kapitalisten und Individualisten ruft er zu: Ihr mit eurem Streben nach Erfolg und Selbstverwirklichung, die ihr nur an euch selbst und an den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt glaubt, auch ihr habt recht! Aber auch nur ein bisschen. Und den Grünen und sozial Engagierten mit ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und Harmonie, den Weltverbesserern und Klimaaktivisten, den Umwelt- und Tierschützern, der ganzen kreativen und intellektuellen „Elite“ erklärt er: Natürlich habt ihr recht! Aber nicht mehr und nicht weniger als die anderen.

Der integrale Mensch wertschätzt die Errungenschaften der verschiedenen Weltsichten, aber sieht auch ganz klar die zerstörerischen Seiten. Er weiß, dass wir uns abwenden müssen von all den Trumps und Putins, den Bolsonaros und Erdoğans, den Höckes, Straches und Johnsons, von all diesen Hetzern und Spaltern, die die Welt in WIR und DIE unterteilen, in Gut und Böse. Er weiß, dass der ungezügelte Kapitalismus und der maßlose Hedonismus die Welt genau an jenen Abgrund geführt haben, an dem sie jetzt steht. Er verurteilt Öko-Fundamentalisten und militante Tierschützer und erkennt, dass die Konzepte der erstarkenden grünen, weltoffenen Gesellschaft nicht ausreichen werden, um die vielen Probleme der globalisierten Welt in den Griff zu bekommen.

Der integrale Mensch nimmt und integriert das Beste aus all diesen Welten – und fügt etwas Neues hinzu: ein spirituelles Bewusstsein und die Einsicht, dass nur „spirituelle Intelligenz die Welt retten kann“ (Ken Wilber).

Um all das geht es im Yoga: Zu erkennen, dass wir nicht alleine sind. Dass WIR nicht wir Deutschen oder wir Europäer, wir Alten oder wir Jungen meint, sondern wirklich und tatsächlich: wir Menschen. Dass Solidarität wichtiger ist als Individualismus, innerer Wandel bedeutender als wirtschaftlicher Erfolg. Dass wir nur mit der Natur leben können und nicht gegen sie. Und dass wir, um all das zu verinnerlichen, spirituell erwachen und wachsen müssen. Die Zeit für Yoga ist jetzt!