Viveka.
Die Kunst des Unterscheidens.

Yoga-Thema Oktober 2017, von Ralf Rossnagel

Wir Menschen neigen dazu, zu leiden. Patanjali wusste das, der Verfasser der Yoga-Sutren. Aber auch Paul Watzlawick, der 1983 seine nicht ganz ernst gemeinte „Anleitung zum Unglücklichsein“ verfasst hat; ein Kultbuch, das mittlerweile fast zwei Millionen Mal verkauft wurde.

Doch warum ist das so? Warum sind so viele Menschen unglücklich und leiden – an sich selbst und an ihren Mitmenschen; an dem, was sie tun und wie sie es tun; an dem, was sie haben, oder auch an dem, was sie nicht haben, aber gerne haben wollen? Warum gelingt es so wenigen Menschen, ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen? Warum meinen wir immer, dass noch etwas fehlt zu unserem Glück? Der richtige Partner, ein anderer Job, ein erfolgreiches Projekt, ein eigenes Heim, der nächste tolle Urlaub … oder was auch immer, wir sind da ja durchaus erfinderisch.

Patanjali sagt, wir leiden, weil wir unwissend sind, und, als Folge dessen, immer alles verwechseln: Wichtiges mit Unwichtigem, Richtiges mit Falschem, Wirkliches mit Unwirklichem, vor allem aber: Ewiges mit Vergänglichem. Doch er sagt auch: Zukünftiges Leid kann (und sollte!) vermieden werden (Yoga 2, 16). Wir müssen „nur“ unsere Unwissenheit (Avydia) beseitigen, und zwar, indem wir Viveka, ununterbrochenes unterscheidendes Gewahrsein, anwenden: „Trenne richtig von falsch, wirklich von unwirklich! Benutze dazu die scharfe Klinge der Unterscheidungskraft und schneide alle Illusionen ab!“ … Und du wirst absolute Klarheit, Freiheit und Zufriedenheit erlangen. Den Zustand des Yoga eben. Aber funktioniert das auch für uns Normalsterbliche?

Was tut dir gut? Was tut dir nicht gut?

Wie immer im Yoga, ist auch bei Viveka der Weg das Ziel. Und auf diesem Weg lassen sich viele Früchte ernten, auch im ganz gewöhnlichen Alltag.

So können wir uns zum Beispiel fragen: Wer oder was tut mir gut? In meinem Leben, privat wie beruflich? Wo kann ich sein wie ich bin? Wo kann ich mich entfalten, entwickeln, wachsen, wo fühle ich mich frei? Und wer oder was tut mir nicht gut? Wer oder was engt mich ein? Wo habe ich das Gefühl, nicht sein zu dürfen, wie ich bin?

Es erfordert Mut, sich diese Fragen zu stellen – und noch mehr Mut, sie aufrichtig zu beantworten. Denn wir alle sind Meister darin, uns selbst etwas vorzumachen, die Dinge schön zu reden. Viele Menschen leiden in und an ihrem Job, in und an ihren Beziehungen, haben aber nicht die Kraft und den Mut, etwas zu ändern. Und so rennen sie weiter im Hamsterrad und reden sich ein, dass es nicht anders geht und dass alles halb so schlimm ist. Oder dass man ja nicht weiß, was danach kommt, und alles noch viel schlimmer werden könnte, wenn man etwas ändert.

Vielleicht hilft es, sich an den großen deutschen Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg zu erinnern, der die Problematik folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Deshalb: Reflektiere deinen heutigen Tag oder irgendeinen anderen, typischen Tag, eine typische Woche, und frage dich: Was hat mir gut getan und was nicht? Was sollte ich öfter tun und wovon sollte ich Abstand nehmen? Was sollte ich ändern, weil es mir schadet? Satya, Aufrichtigkeit, vor allem zu uns selbst, ist eine ganz wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Viveka.

Trenne richtig von falsch, wahr von unwahr.

Allerdings ist das nur ein aller erster Schritt, und wir müssen aufpassen, dass wir damit nicht in die Sackgasse geraten. Wir müssen aufpassen, dass unser Denken und Unterscheiden nicht von unserem Egoismus und Narzissmus gefärbt wird – was freilich fast immer der Fall ist.

Denn jede Erfahrung, die wir machen, prägt unsere künftigen Erfahrungen. Die Art und Weise, wie wir Dinge erfahren, wie wir unsere Erfahrungen interpretieren, aber auch, was wir überhaupt wahrnehmen. Wer als Kind von einem Hund gebissen wurde, wird vielleicht immer Angst vor Hunden haben und die Begegnung mit Hunden meiden. Auf der anderen Seite versuchen wir, Erfahrungen zu wiederholen, in denen wir Glück, Sicherheit, Bestätigung erfahren haben – und die unserem Weltbild entsprechen.

Und so biegen wir uns die Welt zurecht, färben sie uns schön oder grau, so wie es uns eben gerade am geschicktesten passt. In zum Teil wirklich krassem Ausmaß und mit fatalen Folgen. Oder wie kann es sonst sein, dass erwiesene Wahrheiten wie die Evolution, der Holocaust oder der menschengemachte Klimawandel geleugnet werden? Nicht von einzelnen, sondern von ganz vielen!  Wie kann es sein, dass Menschen auf der ganzen Welt überzeugt sind, die US-Regierung habe die Anschläge des 11. September selbst verübt? Oder dass mit chemischen Substanzen, die durch Flugzeuge in die Atmosphäre geblasen werden, den so genannten Chemtrails, versucht wird, die Bevölkerung zu vergiften oder zu verdummen?

Keine Frage, die Welt ist komplex und kompliziert. Und viele Menschen kommen mit dieser Komplexität nicht zurecht und sind bereit, die wirklich abstrusesten Erklärungen und Verschwörungstheorien zu glauben. Irgendjemand muss doch Schuld haben an diesem ganzen Schlamassel.

Hinzu kommt, dass Lobbyisten – und mittlerweile leider auch zunehmend Regierungen und sonstige Organisationen – tatsächlich bewusst Unwahrheiten, Fake-News, verbreiten, um Menschen zu verunsichern und zu manipulieren. Und wer hat nicht schon mal empört eine Facebook-Meldung geteilt, die die eigenen Vorurteile wunderbar bestätigt, sich hinterher aber als Falschmeldung herausgestellt hat? Gerade durch die sozialen Medien werden solche Mechanismen nämlich noch verstärkt; Experten sprechen von „Echokammern, in denen man vor allem das eigene Gesprochene oder Gebrüllte hört“, oder „Filterblasen, die einen vor anderen Meinungen behüten und die Selbstgewissheit ins Gefährliche steigern.“ (DER SPIEGEL, Ausgabe 43/2017)

Doch was passiert mit Menschen, die alles anzweifeln und niemandem mehr vertrauen? Was passiert mit einer Gesellschaft, in der die Wahrheiten immer beliebiger und die Gräben dadurch immer tiefer werden? Nicht nur zwischen unterschiedlichen Nationen, sondern auch zwischen Menschen einer Nation? Ja, letztendlich, sogar in uns selbst.

Denn schon Buddha wusste: „Wir werden, was wir denken.“ Und welche Folgen hat es wohl, wenn unser Denken von Misstrauen, Angst und Hass geprägt ist, statt von Offenheit, Vertrauen und Toleranz?

Genau deshalb sagt Patanjali: „Schneide alle Illusionen ab.“ Damit meint er: Schneide alle Egoismen ab. Mach dich frei in deinem Denken von deinen eigenen Wünschen, Gefühlen und Sorgen (oder mache sie dir zumindest bewusst!). Mach dich frei von Angst, Misstrauen, Gier und Neid – und du wirst frei sein von Angst, Misstrauen, Gier und Neid. Vielleicht war die Entwicklung von Viveka, unterscheidender Intelligenz, noch nie so wichtig wie heute.

Dem wahren Selbst auf der Spur

In unserer Yogapraxis geht es darum, unseren Geist zu beruhigen. Das heißt nicht, dass wir nicht mehr denken sollen, im Gegenteil. Es geht darum, die ständige Aktivität unseres Geistes, die in aller Regel unbewusst abläuft und uns davon abhält, konzentriert im Jetzt zu sein, zu unterbinden. Den Affengeist zu beruhigen, wie die Buddhisten sagen. Nicht, um nicht mehr zu denken, sondern um schärfer denken zu können!

Außerdem erhalten wir durch die Beruhigung unserer Gedanken wieder Zugang zu unserem Herzen, unserer Intuition – zu unserem Herzgeist, wie der Buddhist Ethan Nichtern sagt. Und unsere Intuition ist genauso wichtig für die Entwicklung von Viveka wie unser Denken.

Durch die Yogapraxis und damit einhergehende Beruhigung unserer Gedanken werden wir klar im Kopf und wach im Herzen. Wir lernen, unserem Denken zu vertrauen und auf unser Herz und unseren Bauch zu hören. Und je besser uns dies gelingt, je besser wir Kopf, Herz und Seele zusammenbringen, umso klarer sind wir in unseren Entscheidungen – selbst in chaotischen, emotionsgeladenen Situationen.

Und so kommen wir, mehr und mehr, mit etwas in Berührung, das die Yogis als das wahre Selbst bezeichnen, die Quelle unseres Seins. Oder auch als unseren innersten Wesenskern,  der unberührt ist von Leid, unberührt von den sich ständig wandelnden Gefühlen und den Bewegungen unseres Geistes.

Vielleicht beginnen wir auch zu ahnen, dass dieses wahre Selbst nicht nur unveränderlich ist, sondern unvergänglich. Und vielleicht fangen wir an zu verstehen, worum es wirklich geht bei Viveka: die Unterscheidung von Ewigem und Vergänglichem. Denn weil alles Vergängliche Leid erzeugt und letztendlich alles vergänglich ist – aller Erfolg, aller Besitz, alle Erfahrungen und Beziehungen, unser Körper und all unsere Erinnerungen – können wir dauerhaftes Glück und wirkliche Freiheit nur in uns selbst finden. In unserem unvergänglichen Kern, unserem wahren Selbst.

Wie fühlt sich dieser Gedanke für dich an? Der Gedanke, dass es etwas in uns gibt, das unsterblich ist? Wenn er fremd für dich wirkt oder sogar Widerstände hervorruft, dann versuche es vielleicht einmal mit folgendem Mantra:

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.
Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken.
Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.

Und meditiere auf folgende Frage: Wenn ich nicht mein Körper bin, wenn ich auch nicht meine Gedanken und Gefühle bin, die sich ja ohnehin ständig ändern … wer oder was bin ich dann?