Offener Brief an Frau Dr. Susanne Eisenmann
Betreffend: Öffnung von Yogastudios während der Corona-Pandemie

Energie ist für das Auge unsichtbar. Genauso wie ein Virus. Wir können es nicht sehen, aber wir spüren die Auswirkungen in uns und tragen sie nach außen. 

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann,

wir hoffen, dass dieser Brief Sie und Ihre Lieben bei guter Gesundheit und Leichtigkeit erreicht. Wir können uns nicht vorstellen, wie viel Gewicht Sie auf Ihren Schultern spüren, wenn Sie versuchen, neue Wege zu finden, um Struktur und Normalität in das Leben von Millionen Menschen zu bringen und uns gleichzeitig sicher und gesund zu halten. Und wir sind Ihnen und Ihren lieben Kollegen dankbar, dass Sie uns durch diese surreal anmutenden Zeiten führen. Sie leisten Großartiges!

Wir müssen uns immer wieder selbst daran erinnern, dass wir nicht allein sind, auch wenn sich viele im Moment allein gelassen, nicht verstanden oder nicht gehört fühlen. Aber keiner von uns ist allein, nicht die Gastronomen, die um ihr Lebenswerk fürchten, und auch nicht die Verantwortlichen in der Politik. Sicherlich sitzen wir nicht alle in einem Boot, wie es manchmal heißt, aber wir befinden uns alle im gleichen Sturm.

Mit großer Sorge beobachten wir deshalb, dass die Stimmung in der Gesellschaft zu kippen droht. Wie sich Lockdown-Befürworter und Exit-Fürsprecher immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Wie der Ton, vor allem in den sozialen Medien, rauer wird.

Aber wie könnte es auch anders sein. Zu der Angst vor dem Virus kommen zunehmend Ängste um die eigene Existenz. Alles, was vor acht Wochen noch fest war und den Menschen Sicherheit gegeben hat, ist ins Rutschen gekommen. Alles, was uns einmal Halt gegeben hat, wankt. Veränderung geschieht im Zeitraffer, und niemand weiß, wie die Welt nach Corona aussehen wird.

Für uns Yogalehrer ist Veränderung Alltag. Man könnte auch sagen: es ist unser Job. Yoga, das wissen Sie, ist viel mehr als Sport. Nicht nur für uns Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch für unsere Schüler, die zu uns in den Unterricht kommen, um Balance in ihr Leben zu bringen. Menschen, die oft körperliche Beschwerden haben und unter Dauerstress leiden, weil schon ihr normaler Alltag enorme Belastungen mit sich bringt. Die sich nach Ruhe und Entspannung sehnen, aber auch nach Veränderung, nach mehr Tiefe und Sinn in ihrem Leben.

Es mehren sich die Stimmen, die mehr Eigenverantwortung fordern. Nicht nur für die Bundesländer, sondern auch für jeden einzelnen Bürger. Doch Eigenverantwortung geht nicht immer mit Achtsamkeit einher, dabei ist Achtsamkeit essenziell, wenn wir uns, ohne Schaden zu nehmen, in dieser neuen Realität zurechtfinden und sicher durch diesen Sturm navigieren wollen. Yoga ist und lehrt Achtsamkeit.

In einem durchschnittlich großen Studio praktizieren bis zu 250 Menschen pro Woche Yoga, 25.000 also in den rund 100 Yogastudios in Stuttgart, 250.000 in den geschätzt mittlerweile 1.000 Yogastudios in Baden-Württemberg. Menschen, denen jetzt ihr Ausgleich fehlt in einem Alltag, der völlig aus den Fugen geraten ist: Mütter, die im Home-Office arbeiten und nebenher ihre Kinder bespaßen oder mit ihnen Hausaufgaben machen müssen; Unternehmer, denen das Wasser bis zum Hals steht; ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören, und die deshalb ganz große Angst um ihre Gesundheit haben. Aber nicht nur unsere Schüler bräuchten aktuell ihre Yogapraxis dringender denn je, auch deren Familien würden von einer etwas ausgeglicheneren Mutter, einem etwas zuversichtlicheren Partner enorm profitieren.

Dass wir seit nunmehr acht Wochen nicht mehr unsere Arbeit tun können, belastet uns enorm. Ja, wir machen uns Sorgen um unsere Zukunft, denn viele von uns stehen finanziell mittlerweile mit dem Rücken zur Wand. Aber noch mehr belastet uns die Tatsache, dass wir in dieser dramatischen Zeit nicht für unsere Schüler da sein und gemeinsam mit ihnen durch diese Zeit gehen können.

Yoga ist reine, positive Energie. Gibt es etwas, das wir aktuell dringender brauchen als das?

Deshalb, sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann, bitten wir mit diesem Schreiben um Ihre Unterstützung. Wir brauchen dringend eine Perspektive, die es im Moment noch nicht im Ansatz gibt. Und wenn wir nicht schnell eine Lösung finden, steht zu befürchten, dass in einigen Monaten ein Großteil der Yogaszene zerstört sein wird.

Dies wäre nicht nur für uns haupt- und nebenberuflich arbeitende Yogalehrer eine Tragödie, sondern aus unserer Sicht auch für die Gesellschaft. Yoga wirkt. Yoga bietet ein unglaubliches Potenzial. Und dieses Potenzial wäre unwiederbringlich verloren.

Deshalb kommen wir heute auch nicht nur als Bittsteller auf Sie zu, sondern möchten Ihnen zudem aufzeigen, wie wir Sie in dieser Krise unterstützen können, was unser Beitrag zur Stabilisierung der Gesellschaft sein könnte.

In der Anlage zu diesem Schreiben finden Sie:

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit und hoffen auf Ihre Unterstützung.

Herzlichst,

Ralf Rossnagel, Mattengold Yoga & Pilates Stuttgart
Özlem Yildirim, OM Yoga Stuttgart

im Namen der Yogastudios und -schulen aus Stuttgart und der Region sowie aller haupt- und nebenberuflich tätigen Yogalehrerinnen und Yogalehrer.

Hier findest du den gesamten Brief inklusive aller Anlagen als PDF.