In dir selbst zu Hause sein
Oder: eine kurze Geschichte des Aufwachens (Teil 1)

(Yoga-Thema Oktober / November, von Ralf Rossnagel)

Fühlst du dich in dir selbst zu Hause? Jetzt, in diesem Moment? Oder spürst du eine vage Unruhe oder Unsicherheit, ein unterschwelliges Unbehagen?

Diese Fragen stellt Ethan Nichtern in seinem großartigen Buch „In dir selbst zu Hause sein“. Die zentralen Fragen seines Lebens, wie er selbst sagt, die ihn nicht nur zum Buddhismus gebracht haben, sondern auch zum Lehrer und Autor werden ließen.

Ethan Nichtern nimmt uns mit auf den Weg der Selbst-Bewusstwerdung und fragt: „Wie ist es möglich, sich selbst bedingungslos anzunehmen – die eigene Freundesanfrage zu bestätigen“, wie er es formuliert? „Warum ist es so wichtig, Verantwortung für das eigene Zuhause zu übernehmen? Und wie schaffen wir es, eine bewusste Ethik, im alltäglichen Leben zu integrieren?“

Auf authentische und völlig undogmatische Weise bringt uns Ethan Nichtern die Lehre Buddhas nahe. Einer Lehre, die es uns nicht nur ermöglicht, uns selbst, unsere Beziehungen und die Gesellschaft mit ganz neuen Augen zu betrachten, sondern die auch das Potenzial hat, alles von Grund auf zu verändern.

Der ewige Pendler

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Denn für gewöhnlich suchen wir Halt und Sicherheit in Dingen, die nicht in uns liegen, sondern außerhalb von uns. Das liegt in der menschlichen Natur. Doch weil nichts von Bestand ist, keine Beziehung (selbst wenn sie länge hält, verändert sie sich ständig), kein Job, kein materieller Besitz, kommen wir nirgendwo dauerhaft an. Und so kämpfen wir und rennen wir, von einem Ort oder Ereignis zum andern, und kommen niemals zur Ruhe. Samsāra, das Sanskritwort, das die Summe aller unserer Konfusionen und destruktiven Verhaltensmuster bezeichnet, bedeutet wörtlich übersetzt „Herumwandern“. Das tibetische Wort dafür, „drowa“, ließe sich auch übersetzen mit „immer auf Achse“.

Ethan Nichtern benutzt gerne das Wort Pendler. Der Pendler, der immer unterwegs, nirgendwo zu Hause ist, ein rastloser Wanderer, immer auf der Suche nach sich selbst, nach Zufriedenheit, Erfolg, Bestätigung, nach Sinn und Ruhe. Doch ohne die geringste Idee, wo und wie das alles zu finden ist.

Herz-Geist

Ist es wirklich möglich, sich die ganze Zeit total zu Hause zu fühlen, frei zu sein von Sorge und Kampf? Selbst wenn man unterwegs ist, an einem fremden Ort unter fremden Menschen? Ein gleichermaßen schöner wie unwirklicher Gedanke, findet ihr nicht?

Doch Ethan Nichtern sagt: „Ja, es ist möglich“ – und er nennt diesen Ort, an dem dies möglich ist, „Herz-Geist“. Oder auch: das Zentrum unserer Bewusstheit. Der Ort, an dem all unsere kognitiven, emotionalen und intellektuellen Prozesse ablaufen und zusammenkommen; intellektuelle Intelligenz und emotionale Weisheit vollständig verflochten, in einem gemeinsamen Raum existierend.

Doch wenn wir wirklich etwas verändern wollen, wenn wir wirklich aufwachen und uns in uns selbst zu Hause fühlen wollen, müssen wir, so Nichtern, „dem Verhältnis zu unserem Herz-Geist höchste Priorität einräumen“. In diesem Sinne definiert er einen Buddhisten (wörtlich: Aufwach-isten) „als einen Menschen, der seiner Herz-Geist-Bildung und der Kultivierung der Beziehungen zu anderen fühlenden Lebewesen oberste Priorität einräumt, vor allem anderen, was er im Leben erreichen möchte“.

Ich denke, jeder von uns hat eine Vorstellung davon, was dieser Herz-Geist ist. Und wie es sich anfühlen kann, dort zu Hause zu sein, ganz bei sich, völlig frei von Sorge, Zweifel und Unruhe. Das Problem ist nur, dass es unmöglich scheint, dieses Gefühl, diesen Zustand zu halten.

Mit unseren Gefühlen arbeiten (die eigene Freundschaftsanfrage annehmen)

Der erste Schritt auf dem Weg nach Hause ist für Ethan Nichtern das Eingeständnis, dass wir konfus sind. Dass wir mit unserem materiellen Streben nach Glück und Erfolg immer wieder Schiffbruch erleiden. Und auch, dass einfach vieles nicht in Ordnung ist in dieser Welt.

Worum es aus seiner Sicht nicht geht, ist, einen dauerhaften Zustand der Glückseligkeit zu erreichen, in dem es keine negativen Emotionen gibt. Dieses Streben nennt Nichtern spirituellen Materialismus; einen solchen Zustand zu erreichen sei nicht nur unmöglich, sondern auch unmenschlich. Nichtern: „Wenn unser Herz-Geist wirklich ein einladendes Zuhause wäre, würden wir Emotionen wie Traurigkeit, Aggression, Enttäuschung, Einsamkeit, Reue nicht ablehnen.“ Wenn wir dies tun, können wir keine Ruhe finden, weil wir hauptsächlich damit beschäftigt sind abzulehnen, was wir tatsächlich erleben.

Und: „Wenn wir nicht mit allem, was kommt, mitfühlend arbeiten, werden wir gezwungen sein, uns dauernd gegen die Invasion unerwünschter Emotionen zu verteidigen. Ohne die Erfahrung aller Emotionen aber wird unser Weg kein menschlicher sein. Der Weg nach Hause ist ein menschlicher Weg durch die Gefühle hindurch, nicht um sie herum. Meditation ist eine Übung, Gefühlen Raum zu geben, keine Desinfektionsmethode. Für jeden, der meditieren möchte, sollte dieses Grundverständnis der Ausgangspunkt sein.“

Zweck der Meditation und jeglicher Praxis sei es, mit sich selbst Freundschaft zu schließen. Dazu gehört auch zu akzeptieren, dass man sich nicht immer gut fühlt und nicht immer nur edle Gedanken hegt. Dass man liebevoll mit sich, seinen Gefühlen und Gedanken umgeht und nachsichtig. Dass man neugierig ist auf das, was mit einem selbst passiert, und wirklich den Wunsch hat, sich zu verändern. Und dass man geduldig bleibt, denn Selbst-Bewusstwerdung ist nichts, was in einigen Tagen oder Wochen passiert, sondern Jahre oder Jahrzehnte kontinuierlicher Praxis erfordert.

Verantwortung übernehmen für unser Handeln

Warum reagieren wir, wie wir reagieren? Vor allem: Warum reagieren wir immer wieder gleich, tappen immer wieder in die gleichen Fallen, geraten immer wieder in ähnliche Situationen oder Konflikte?

Ganz einfach: Weil wir es so gelernt haben. Über Jahre und Jahrzehnte (oder, wenn man dem buddhistischen / yogischen Gedanken der Reinkarnation folgen will, vielleicht sogar viele Menschenleben lang). Wenn wir einmal in einer Situation waren, die uns bedrohlich vorkam, werden wir künftig versuchen, ähnliche Situationen zu vermeiden – und zwar völlig unbewusst und ohne zu reflektieren, ob die Situation tatsächlich bedrohlich ist oder nicht. Auf der anderen Seite werden wir, ebenfalls völlig unbewusst, alle Situationen, Objekte oder Beziehungen suchen und festhalten, die uns ein Gefühl von Sicherheit oder Zufriedenheit geben. Alle anderen Objekte, die nicht in die Konzepte von Sicherheit / Zufriedenheit oder Bedrohung fallen, ignorieren wir. Wir nehmen sie nicht wahr, weil die ersten beiden Kategorien „all unsere Zeit und Energie beanspruchen“.

Was also können wir tun? Wie können wir aus dem Gefängnis unserer karmischen Verhaltensmuster und Gewohnheiten ausbrechen?

Auch in diesem Fall müssen wir – durch Meditation und Reflexion – unsere Aufmerksamkeit schulen. Wir müssen lernen, darauf zu achten, wie wir reagieren, müssen ein Gespür bekommen für unsere Verteidigungsstrategien, „für unsere tief verwurzelten Muster der Konfusion“. Irgendwann werden wir dann unsere Reaktionen spüren im Moment, in dem sie aufkommen – und haben dadurch die Gelegenheit, anders zu reagieren. Nichts mehr mit „ich bin eben so“, sondern Verantwortung übernehmen für unser Handeln.

Die Schlüssel, um unsere „Psychologie der Gewohnheiten“ zu ändern, unsere karmischen Muster wirklich aufzulösen, so Ethan Nichtern, sind Verzeihen und Sanftheit. Denn diese Muster haben sich so tief in unserer Bewusstsein und unserer Nervensystem eingegraben, dass es lange Zeit braucht, um sie freizulegen und zu ändern. Wir dürfen deshalb nicht verzweifeln, wenn wir immer wieder zurückfallen, sondern müssen jeden Tag, diszipliniert und nachsichtig an uns arbeiten.

Ein Krieger werden

Den Moment, in dem wir erkennen, dass es wirklich möglich ist, in der eigenen Bewusstheit – im eigenen Herz-Geist – zu leben, bezeichnet Nichtern als Moment der Kriegerschaft. Ein heroisches Wort, das die tibetische Auffassung von Tapferkeit widerspiegelt, wie er sagt.

„Wir sind tapfer genug, immer wieder unseren eigenen Herz-Geist ehrlich anzuschauen; wir sind furchtlos genug, die eigenen negativen Ansichten über uns selbst immer wieder in Frage zu stellen: Das ist der Schlüssel zur Kriegerschaft. Wenn wir bereit sind, voll und ganz zu fühlen, wer wir sind; wenn wir bereit sind, Jahrtausende von negativen Ansichten über die menschliche Natur in Frage zu stellen; wenn wir bereit sind zu akzeptieren, dass wir im Gegenteil kluge und fähige Wesen sind – dann können wir allmählich den Blick heben und auch andere in unsere Praxis des Aufwachens mit einbeziehen.“

 

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