(K)eine Perspektive für Yogastudios!?

Ihr Lieben,

die für morgen und übermorgen angekündigten Online-Stunden müssen leider entfallen. Wir fühlen uns im Moment nicht in der Lage, diese beiden Videos für euch aufzunehmen.

Vielleicht kommt das jetzt überraschend für euch, wo doch gestern umfangreiche Lockerungen beschlossen wurden und zumindest einmal eine Perspektive aufgezeigt wird. Aber genau diese Perspektive ist es, die uns mächtig zu schaffen macht. Mit den Beschlüssen von gestern haben sich unsere Aussichten, so sehen wir das, deutlich verschlechtert.

Offiziell heißt es, dass für die Festlegung des Stufenplans folgende Überlegungen maßgebend waren: Welche Infektionsrisiken bestehen? Gibt es eine Möglichkeit, ein wirksames Konzept zu entwickeln, um das Infektionsrisiko zu vermindern? Lässt sich eine solche Konzeption zur Risikominimierung wirksam durchsetzen und kontrollieren?

Die zweite und dritte Frage können wir eindeutig mit „Ja“ beantworten. Wir können Teilnehmerzahlen begrenzen; wir können Abstände einhalten, wenn es sein muss sogar 3 Meter statt 1,5 Metern; unsere Dienstleistung kann komplett körperlos erbracht werden, auch wenn Assists normalerweise ein wesentlicher Teil unseres Unterrichts sind. Dennoch gelten diese Festlegungen leider nicht für alle. Für die Fußball-Bundesliga schon, für Yogastudios nicht.

Und so dürfen „körpernahe Dienstleister“ wie Piercing- und Tattoostudios schon in Kürze wieder öffnen, wir aber müssen noch bis 15. Juni warten – so wie zum Beispiel Besucherzentren und Freizeitparks auch – zudem müssen wir darauf hoffen, dass bis dahin alles gut geht.

Leider haben Yogastudios keine Relevanz, geschweige denn eine Systemrelevanz. Wir haben keine Lobby, niemanden, der für uns ein gutes Wort einlegen würde. Und wir sind natürlich auch keine Hidden Champions oder aussichtsreiche Start Ups, die für die Zukunft des Landes wichtig sind. Dass ihr gerne zu uns kommt, dass ihr bei uns für ein paar Stunden in der Woche entspannen, runterfahren, den Kopf klar kriegen, Stress abbauen oder euch einfach mal auspowern könnt und auf diese Weise immens viel für eure körperliche und geistige Gesundheit tut – und somit, das dürfen wir nicht vergessen, auch für euer Immunsystem! – das zählt in den ganzen aktuellen Diskussionen nicht. Das ist zwar nicht überraschend, bitter ist es trotzdem.

Nun könnte man natürlich sagen, ach, auf zwei oder drei Wochen hin oder her kommt es ja nicht an. Das mag stimmen. Das Problem ist nur: Sollte es mit den Infektionszahlen wieder nach oben gehen – und die Gefahr, dass das passiert, ist eher groß als klein – dann werden wir wieder die ersten sein, die erneut schließen müssen. Für noch einmal zwei, drei oder vier Monate, wer weiß das schon.

Was aber bitteschön ist das für eine Perspektive? Wie soll man auf dieser Basis ein Unternehmen führen und seinen Lebensunterhalt verdienen? Oder wenigstens etwas Hoffnung schöpfen, dass schon alles gut werden wird? Woher soll diese Hoffnung kommen? Von einem Impfstoff, der vielleicht irgendwann einmal zur Verfügung steht? Dass wir das Virus, wenn wir nur lange genug durchhalten, besiegen werden? (Entschuldigung, aber diese hohlen Phrasen können wir mittlerweile nicht mehr hören). Oder dass das Virus so, wie es gekommen ist, auch wieder aus der Welt verschwindet?

Die Politik versucht gerade verzweifelt zu vermitteln, dass sie einen Plan und alles unter Kontrolle hat. Aber das Virus lässt sich nicht kontrollieren. Es ist in der Welt und es wird nicht mehr aus der Welt verschwinden, das haben wir vor acht Wochen schon geschrieben. Und die ehrlichste Frage, die man derzeit eigentlich stellen müsste, ist die:

Was sind wir bereit zu opfern für die Illusion, etwas zu kontrollieren, das sich letztendlich nicht kontrollieren lässt?

Volksfeste? Messeveranstalter? Die Fußball-Bundesliga? Clubs? Diskotheken? Bars? Restaurants? Yogastudios? Fitnessstudios? Sportvereine? Das Umarmen unserer Freunde? Den Kontakt zu unseren Eltern? Die Bildung unserer Kinder? Den Urlaub am Meer? Saunen und Schwimmbäder? Theater? Museen? Kinos? Musiker und Kleinkünstler? Datenschutz? Versammlungsfreiheit? Unsere Demokratie? Den Regenwald? Die Flüchtlinge in den Flüchtlingscamps?

Möge jeder seine eigenen Häkchen setzen und sich bewusst machen, was gerade alles auf dem Spiel steht. Arme neue Welt …

Sicher, oft kommt es anders als man denkt, und wir werden den Mut nicht verlieren und für unser Studio kämpfen. Aber seit gestern ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Mattengold in einigen Monaten nicht mehr geben wird, deutlich gestiegen. Das müssen wir uns eingestehen und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Anzunehmen, was ist (sofern wir es nicht ändern können), ehrlich zu sein, auch zu uns selbst, ist schließlich ein wesentlicher Teil unserer Yogapraxis.

In tiefer Verbundenheit,

euer Ralf und eure Nicole