Wie man ohne Vorsätze
gut und gesund ins neue Jahr kommt

Yoga-Thema Januar 2018, von Ralf Rossnagel

Nein, wir sind dieses Jahr nicht mit vielen guten Vorsätzen ins neue Jahr gestartet. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einfach mal abzuwarten. Runterzufahren. Ganz langsam zu machen. Uns die Winterschläfchen zu gönnen, die unsere Körper und unsere Seelen so dringend zu benötigen schienen. Und einfach mal in uns hineinzuhorchen, zu spüren, achtsam zu sein, ob da etwas ist, das ans Tageslicht will, auch wenn es noch kaum hörbar ist. Und das war großartig!

Viele der guten Vorsätze, mit denen die Menschen in ein neues Jahr starten, werden nämlich schon nach kürzester Zeit wieder aufgegeben. Warum ist das so?

Zum einen ganz sicherlich, weil viele Vorsätze nicht von Herzen kommen. Weil die Motivation, warum wir etwas ändern wollen, nicht klar ist. Ist es unser eigener, tief sitzender Wunsch? Oder ist es etwas,  das von außen an uns herangetragen wurde?

Die Motivation zu erkennen sei oft kaum möglich, sagte die Psychologin Felicitas Heyne in einem Interview des Magazins Focus. „Nahestehende Menschen wie Partner oder Eltern vermögen ihre Vorstellungen so tief in uns zu verankern, dass wir kaum mehr in der Lage sind, sie von eigenen Zielen zu unterscheiden“, so Heyne. Es mache aber nicht glücklich und funktioniere auch nicht, die Ziele anderer zu verwirklichen. „Viele Leute hecheln Vorstellungen hinterher, und merken zu spät, dass deren Verwirklichung sie gar nicht zufrieden macht.“

Deshalb frage dich, immer wieder: Was ist dir wirklich wichtig? Warum verfolgst du dieses Ziel? Bist du dir sicher, dass es dich zufriedener / glücklicher macht, wenn du dieses Ziel verfolgst oder es erreichst?

Hinzu kommt, dass die meisten Vorsätze viel zu vage formuliert sind. „Weniger Stress“ – laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit der beliebteste Vorsatz für 2018 (59 Prozent der Deutschen haben sich vorgenommen, sich weniger stressen zu lassen) – ist definitiv ein guter Vorsatz, aber auch einer, der eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Ebenso wie „mehr Zeit für Familie und Freunde“ ( 58 Prozent), der Wunsch nach „mehr Bewegung“ (53 Prozent), die Sehnsucht nach „mehr persönlicher Zeit“ (48 Prozent) und „gesündere Ernährung“ (47 Prozent). Was aber möchtest du tun, damit es nicht beim Vorsatz bleibt? Wenn das nicht ganz konkret beantwortet wird, ist die Gefahr des Scheiterns groß.

Der richtige Vorsatz – aber vielleicht nicht die richtige Zeit?

Ja, und dann ist da noch ein ganz wichtiger Aspekt, der ganz oft vergessen wird. Was, wenn wir vielleicht die genau richtigen Vorsätze haben, aber gerade einfach nicht der richtige Zeitpunkt ist, sie umzusetzen?

Diese Erfahrung mussten wir vor einem Jahr machen. Ich hatte meine Agentur aufgelöst und mich entschieden, Mattengold hauptberuflich zu betreiben. Und da wollten wir – und mussten natürlich auch – im Januar gleich voll durchstarten. Mit einem zweiten Raum (den es zu gestalten galt) und neuen Kursen (die gefüllt werden mussten) – doch plötzlich fühlte sich alles zäh an wie Kaugummi. Lethargisch, energielos, ideenlos. Und einfach nur müde ….

Erst im Frühjahr, nach zum Teil ziemlich zermürbenden Wochen und harten Kämpfen (mit uns selbst), gewannen wir Zuversicht und Leichtigkeit zurück, der neue Raum nahm langsam Gestalt an und die Kurse füllten sich. Was war da schief gelaufen?

Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Martina Kaiser hat das Buch „Der Jahreskreis – Den Rhythmus der Natur als unsere Kraftquelle nutzen“ geschrieben. Die wichtigste Lehre, die wir daraus gezogen haben: Januar und Februar sind nicht die Monate, um mit neuen Projekten durchzustarten. Es ist die Zeit der Einkehr, des Winterschlafs, der Stille und der Dunkelheit. Stille und Dunkelheit, sowohl äußere als auch innere, die wir annehmen müssen. Denn aus dieser Stille und Dunkelheit heraus entsteht, wenn die Zeit reif ist, das Neue. Wohl niemand hat das so schön in Worte gefasst, wie der Poet und Mystiker Khalil Gibran:

Wie die Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling. Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Unendlichkeit.
Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters.

Geduldig sein – und konsequent

Und so sind wir also ganz ohne Erwartungen, dafür aber mit offenen Ohren und einem offenen Herzen, in die Winter- und Weihnachtszeit gegangen. Der einzige Vorsatz: die Zeit zwischen den Jahren zu genießen und nur das Nötigste zu tun. So fiel es auch nicht schwer, die (erneute) Müdigkeit, die speziell mich wieder befallen hat, einfach anzunehmen, die regelmäßigen Mittagsschläfchen zu genießen.

Doch dann ist etwas passiert, mit dem ich so schnell nicht gerechnet hatte. Vielleicht an Neujahr, spätestens am 2. Januar, wusste ich, was ich in Angriff nehmen wollte und musste. Wie die meisten Menschen hatte ich um die Weihnachtszeit oft zu viel und viel zu ungesund gegessen. Und dies wirkte sich eindeutig negativ auf mein Wohlbefinden aus. Es war einfach zu offensichtlich, und trotzdem habe ich die hartnäckigen Fragen meiner Frau benötigt, um es zu erkennen.

Jedenfalls habe ich umgehend angefangen, ein Ernährungstagebuch zu führen. Ich verzichte konsequent auf glutenhaltige Lebensmittel und versuche, so gut es geht, Industriezucker zu meiden. Nachdem ich bereits seit Jahren nahezu komplett auf tierische Nahrungsmittel verzichte, waren Gluten und Zucker die plausibelste Erklärung für meine fast chronische Energielosigkeit. Zum Glück habe ich eine Frau, die mich nicht nur unterstützt, sondern sich spontan bereit erklärt hat, den Versuch mit zu machen. Denn zunächst einmal bedeutet eine solche Umstellung, das soll nicht verschwiegen werden, natürlich schon einen erheblichen Mehraufwand sowohl bei der Beschaffung von Lebensmitteln als auch bei der Essenszubereitung.

Erleichternd wirkt sich aus, dass wir eine solche Umstellung gar nicht als Verzicht sehen. Vielmehr sind wir neugierig darauf, die Alternativen kennenzulernen, und vor allem sehr gespannt, was das mit uns und unseren Körpern macht. Ob sich etwas verändert und wenn ja wie.

Und tatsächlich: Schon nach ganz kurzer Zeit verspüre ich deutliche Verbesserungen. Die Müdigkeit fällt ab, die Energie kehrt langsam zurück, meine Verdauung, mit der ich eigentlich fast immer Probleme habe, stabilisiert sich. Und das Beste: Mein Körpergefühl verändert sich. Am deutlichsten spürbar ist das in den Händen, die sich ganz schlank und grazil anfühlen und über eine viel feinere taktile Wahrnehmung verfügen. Jedes Mal, wenn ich mir die Hände wasche, freue ich mich darüber. Auch Nicole verspürt eine Verbesserung, was ihr allgemeines Wohlbefinden und ihre Verdauung betrifft. So sind wir fest entschlossen, dieses Experiment konsequent fortzusetzen, und wir sind gespannt, was es noch an Erkenntnissen bringt. Ich frage mich höchstens, wieso wir eigentlich so lange gebraucht haben, um auf die Idee des Glutenverzichts zu kommen, wo wir uns doch schon seit Jahren bewusst und intensiv mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen und ich vor ziemlich genau zwei Jahren sogar schon über die schädlichen Wirkungen von Weizen und Zucker geschrieben habe.

Die volle Verantwortung übernehmen

Und dann ist da noch diese Geschichte im SPIEGEL (Ausgabe 1/2018). Unter dem Titel „Das Schicksal in unserer Hand“ schreibt der Autor Jörg Blech: „Die Methusalem-Formel ist gefunden: Wer sich genug bewegt und ausgewogen ernährt, lebt bis zu 17 Jahre länger.“ 17 Jahre mehr Lebenszeit! Allein dadurch, dass wir genügend Sport treiben, uns gesund ernähren, Stress reduzieren – und (natürlich) Zigaretten und Alkohol meiden.

Warum um alles in der Welt fällt es vielen Menschen so schwer, ihre Verhaltensweisen umzustellen? Sind 17 Jahre Lebenszeit nicht Lohn genug? Die Vorsätze – weniger Stress, mehr Sport, gesünder Essen – sind ja da! Setzen wir die falschen Prioritäten? Sind wir zu bequem? Oder fehlen uns schlicht der Glaube und die Vorstellungkraft?

Was für ein schönes Yoga-Thema, wieder einmal! Denn nicht nur dass Bewegung und Entspannung ja quasi die DNA des Yoga sind, so gehört zur täglichen Yoga-Praxis auch, uns selbst und unsere Verhaltensweisen entschieden zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Als Yogis sind wir aufgefordert, konsequent (wenn nicht radikal) die Verantwortung für alle Bereiche unseres Lebens zu übernehmen –  ganz besonders für unsere Gesundheit.

Was für ein schönes Motto für 2018. Was für ein wunderbarer Vorsatz.