Yoga ist Atem ist Yoga …

(Yoga-Thema Mai 2017)

Am Anfang ist der Atem. Mit einem Schrei und einem ersten Atemzug beginnt das Leben. Und mit einem letzten Atemzug, einem allerletzten Ausatmen, endet es.

„So lange der Atem im Leibe wohnt, ist Leben da“, steht in der Hatha Yoga Pradīpikā, II, 3. „Schwindet der Atem, so schwindet das Leben. Daher lenke deinen Atem.“ So einfach. So banal. Und doch auch wieder nicht. Denn meistens Atmen wir unbewusst. Ein Erwachsener etwa 12 bis 18 Mal pro Minute, circa 17.000 bis 26.000 Mal am Tag, über 6 Millionen Mal im Jahr. Ein und aus und ein und aus. 3 Millionen Liter Luft fließen in einem Jahr durch unsere Lungen.

So richtig bewusst wird uns unser Atem in der Regel aber nur, wenn er aus dem Takt gerät. Beim Sport. In Stresssituationen. Wenn der Atem stockt oder wenn wir hyperventilieren. Wenn aufgrund einer Krankheit oder Verletzung der Atem nicht mehr so leicht und frei fließt wie gewohnt. Oder, im Positiven, wenn wir Yoga üben. Dann bemerken wir, dass atmen viel mehr ist als Sauerstoff aufzunehmen.

Wenn wir bewusst atmen, tief atmen, kontrolliert atmen, können wir eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, ganz bei uns selbst anzukommen. Ohne bewusstes Atmen ist es unmöglich im Hier und Jetzt zu sein. Und wenn wir nicht im Hier und Jetzt sind, verpassen wir das Leben. Denn dieses Leben findet nur jetzt im Augenblick statt, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft.

Wenn du also gestresst bist, das Gefühl hast, dich im Alltag zu verlieren, dann halte kurz inne – und atme. Schließ‘ die Augen, für ein paar Minuten oder auch nur 60 Sekunden, und konzentriere dich ganz auf deinen Atem. Versuche ihn zu spüren und zu beobachten. Fließt er gleichmäßig oder ungleichmäßig? Schnell oder langsam? Angestrengt oder entspannt? Dies ist die allererste Atemübung – und somit auch die allererste Yogaübung: den Atem spüren, ihn überhaupt erst einmal bewusst wahrnehmen. In den Nasenflügeln beispielsweise oder im Bauch. Und wenn du dann noch ganz bewusst in den Bauch atmest, vielleicht nach jeder Ausatmung den Atem für einen kurzen Augenblick anhältst, dann spürst du, wie du wieder zu dir zurückfindest und mit jedem Atemzug ein wenig ruhiger wirst.

Atem ist Prāna ist Atem …

In der Yoga-Philosophie ist der Atem eine Erscheinungsform von Prāna. Aber nur eine von vielen. Und vielleicht müssen wir uns tatsächlich ein wenig mit Prāna beschäftigen, wenn wir verstehen wollen, was es heißt zu atmen. Welches Geschenk unser Atem sein kann.

„So schwer es ist, von Gott zu sprechen, so schwer lässt sich auch Prāna erklären“, schreibt B.K.S. Iyengar in seinem unvergleichlichen Buch Licht auf Pranayama. „Prāna ist die Energie, die das Universum auf allen Ebenen durchdringt. Diese Energie ist physikalischer, seelischer, geistiger, sexueller, spiritueller und kosmischer Art. Alle Schwingungsenergien sind Prāna. Alle physikalischen Energien wie Wärme, Licht, Schwerkraft, Magnetismus und Elektrizität sind ebenfalls Prāna. Prāna ist die verborgene potenzielle Energie in allen Wesen, die im Augenblick der Gefahr im vollsten Ausmaß freigesetzt wird.“ …

„Nach den Upanishaden ist Prāna das Prinzip von Leben und Bewusstsein. Prāna ist der Lebenshauch aller Wesen im Universum. Durch ihn werden sie geboren und leben von ihm, und wenn sie sterben, so löst sich der Hauch jedes einzelnen in den kosmischen Hauch auf. Prāna ist die Nabe im Rad des Lebens. In ihm hat alles seinen Grund.“ …

Und: „Prāna ist die Quelle aller Erkenntnis. … Daher sucht der Yogi sein Heil in Prāna.“

Prāna-Yama

Das Sanskrit-Wort Prāna, das sagten wir, wird meist übersetzt mit Atem. Aber auch mit Energie. Yama bedeutet kontrollieren oder lenken. Aber auch freisetzen. Pranayama heißt also sowohl „den Atem lenken“ als auch „die Energie freisetzen“.

Und genau das ist es, was wir im Yoga tun: den Atem lenken und Energie freisetzen. Unsere Lebensenergie, die kosmische Ur-Energie, die in jedem von uns wirkt. Eine Yogaübung ist also IMMER auch eine Atemübung – ein Pranayama. Oder anders ausgedrückt: Erst durch den Atem wird aus der Turnübung eine Yogapraxis.

Rein körperlich erhöhen wir durch die Yoga-Atmung (Ujjayi-Atmung) das Lungenvolumen, so dass wir tiefer, langsamer, konzentrierter atmen können. Wenn wir den Atem dann gezielt in unsere vier Atemräume lenken, in den Bauch, die seitlichen Rippen, den Rücken und die Brust, dann schaffen wir Raum in uns und Weite. Nicht nur Raum für Atemluft, sondern auch Raum für neue Erfahrungen und eine neue Selbstwahrnehmung.

Prāna ist die Quelle aller Erkenntnis. Daher sucht der Yogi sein Heil in Prāna.

„Warum haben viele Menschen Angst, ganz tief zu atmen?“ fragt der Yogalehrer und Schriftsteller Max Strom. „Weil unser Atem und unsere Gefühle eng miteinander verbunden sind“. Deshalb wird zum Beispiel der Atem schnell und flach, wenn wir Angst haben – und wir können, umgekehrt, die Angst reduzieren, indem wir den Atem beruhigen und ganz tief atmen. Oder auch den Schmerz, so wie es Schwangere tun, wenn die Wehen einsetzen.

Angst vor tiefem Atmen zu haben, bedeutet also, Angst vor den eigenen Gefühlen zu haben. Doch auch darum geht es im Yoga: Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen. Auch negative. Nur wenn wir Emotionen wahrnehmen und zulassen, können wir sie – mit jeder Ausatmung – loslassen. Nur so können wir durch unterdrückte oder nicht gelebte Emotionen entstandene Verspannungen und (Energie-)Blockaden im Körper lösen.

„Für manche ist das Öffnen der Brustregion der schwierigste Teil ihrer Yogapraxis, weil hier unser Kummer und unsere alten Erinnerungen bewahrt werden“, sagt Max Strom. „Sich zu öffnen würde bedeuten, dass man es mit einer neuen Persönlichkeit und einem neuen Leben – einer gewaltigen Transformation – zu tun bekommt. Und das ist es, was wir gleichzeitig anstreben und fürchten. Es ist, als würden wir gleichzeitig aufs Gaspedal und auf die Bremse treten.“

Yoga zu praktizieren heißt aber auch, Ängste abzulegen. Angstfrei uns selbst zu studieren, um uns selbst immer besser kennenzulernen – und zu verändern. Und eines der wichtigsten Hilfsmittel dafür ist unser Atem.

Ujjayi – die siegreiche Atmung

In der Yoga-Philosophie wird das Leben durch die Anzahl der Atemzüge, die uns zur Verfügung stehen, beschränkt. Das heißt: Je langsamer wir atmen, desto länger leben wir. Dies muss man nicht wörtlich nehmen, aber Fakt ist, dass langsames, tiefes Atmen nicht nur die Lebensqualität erhöht, sondern auch die Lebenserwartung. Besonders für ältere Menschen oder Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Krankheit viel liegen, ist tiefes Atmen essenziell. Denn verfügt ein Mensch im Alter zwischen 20 und 30 Jahren noch über ein durchschnittliches Lungenvolumen von dreieinhalb bis fünf Litern (Leistungssportler bis zu acht Liter), so kann dies im Alter auf unter zwei Liter sinken. Der Atem wird flach, die Gefahr von Lungenerkrankungen steigt.

Ujjayi heißt das Zauberwort, das es uns ermöglicht, den Atem in der Yogapraxis ganz bewusst zu lenken, zu vertiefen und dadurch tief in die Praxis abzutauchen. Ud bedeutet „hinauf, ausweiten“, Jaya „erobern oder siegen“. Ujjayi kann also übersetzt werden mit „Der auf dem Weg nach oben Siegreiche“. Oder kurz: „Die siegreiche Atmung“.

Siegreich, weil wir den flachen, unregelmäßigen Atem bezwingen, und zudem, weil wir mit dem Atem auch unseren unsteten Geist beruhigen. Siegreich, weil wir dem körperlichen Verfall trotzen, zumindest vorübergehend, uns atmend aufrichten, zu unserer wahren körperlichen und inneren Größe, weil wir unser Herz weiten.  Wenn wir es schaffen, den Atem bis in die Spitzen der Lungen fließen zu lassen, entsteht ein Gefühl von absoluter Freiheit – und Unbesiegbarkeit.

Das Geheimnis der Ujjayi-Atmung liegt dabei im Verengen der Kehle beziehungsweise der Stimmritze. Dabei erzeugen wir ein Hauchgeräusch (das Ujjayi-Geräusch), das es uns erleichtert, mit der Konzentration fest beim Atem zu bleiben. Durch dieses Verengen entsteht zudem ein gleichmäßig hoher Druck in den über 300 Millionen Lungenbläschen, den so genannten Alveolen, deren Oberfläche ausgebreitet in etwa der Größe eines Fußballfeldes entspricht. Es ist also leicht sich vorzustellen, wie sich das Lungenvolumen vergrößert und der Atem vertieft, wenn sich die Alveolen öffnen und weiten.

Ein Hauch von Prāna

Durch die Fokussierung auf den Atem und die  Verbindung von Atem und Bewegung (Vinyasa) gelangen wir von der körperlichen auf eine subtilere, feinstofflichere Ebene, die Ebene der Emotionen und der Energie, und wir verbinden Körper und Geist. Die Yogapraxis wird so mehr und mehr zu einer spirituellen Praxis, die Körper, Emotionen, Energien und Geist in Balance bringt.

Manchmal, wenn wir ganz konzentriert und fokussiert üben und in einen meditativen Flow geraten, können wir dabei tatsächlich eine Idee von Prāna bekommen. Von dieser Energie, die in uns allen steckt und die uns über uns selbst hinauswachsen lässt, wenn es uns gelingt, sie freizusetzen. Von dieser Energie, die „physikalischer, seelischer, geistiger, sexueller, spiritueller und kosmischer Art“ ist, wie B.K.S. Iyengar schreibt. Und die, in der Tat, wohl nicht nur in uns ist, sondern auch zwischen uns. Etwas, das uns als Menschen verbindet.

Jeder, der regelmäßig Yoga praktiziert, kennt das: die Energie einer Gruppe, die jeden einzelnen fliegen lässt und eine dermaßen konzentrierte, energiegeladene und kraftvolle Praxis ermöglicht, wie sie ein alleine Übender nur sehr schwer zustande bekommt. Wenn nicht mehr jeder einzelne für sich atmet, sondern nur noch ein Atem spürbar ist. Der Atem der Gruppe.

Dann, so denke ich, spüren wir einen Hauch von Prāna. Der Lebensenergie, die in uns allen ist, der kosmischen Ur-Energie, die uns alle verbindet und wachsen lässt. Es ist nur ein Hauch. Nur eine leise Ahnung. Aber Anreiz genug, um jeden Tag auf die Matte zu gehen.