Von Mut, Staunen und Zufriedenheit.
Und was das alles mit Yoga zu tun hat.

(Yoga-Thema Februar 2017, von Ralf Rossnagel)

Kriya Yoga ist der Yoga der Handlung. Ein aktiver Yoga. Ein Yoga, der uns lehrt, Verantwortung zu übernehmen. Für uns und unser Tun. Und auch für die Welt. Denn Kriya Yoga bezieht sich nicht allein auf die Yogapraxis auf der Matte, sondern auf jegliches Handeln – im Privaten wie im Beruflichen. Kriya Yoga umfasst all unser aktives Wirken in der Welt.

tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni kriyā-yogaḥ, sagt Patanjali in Kapitel 2, Satz 1 der Yoga-Sutren. „Der Yoga in jeder Handlung besteht aus Mut, Staunen und Zufriedenheit“, hat Dr. Ronald Steiner dieses Sutra übersetzt. Eine mutige Übersetzung, sicherlich auch eine freie, vergleicht man sie mit den herkömmlichen Varianten; aber definitiv eine, die es in sich hat.

Mut

Zum Ende des vergangenen Jahres habe ich meinen bisherigen Hauptberuf – ich war geschäftsführender Gesellschafter einer Agentur für Kommunikation und Design – an den Nagel gehängt, um mich voll und ganz dem Yoga zu verschreiben. Eine mutige Entscheidung? Sicherlich, denn noch weiß ich nicht, ob es mir gelingt, damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten und meine Familie zu ernähren. Trotzdem war es eine eindeutige Entscheidung. Weil ich tief und fest davon überzeugt bin, dass dies mein Weg ist.

Was heißt es also mutig zu sein? Oder anders gefragt: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit wir mutig und selbstbewusst unseren Weg gehen können?

Mutig zu sein bedeutet für mich, zu sich selbst zu stehen, zu seinen eigenen Überzeugungen. Und zwar auch dann, wenn es Gegenwind gibt und ungemütlich wird. Mutig zu sein heißt, dass man seinen eigenen Weg geht, seinen ganz individuellen, auch wenn dieser vielleicht unkonventionell ist und abweicht von dem „vermeintlich vorgezeichneten“. Dass man sich aus den traditionellen Rollen löst und die traditionellen Wege verlässt. Voraussetzung für all dies ist aber natürlich, dass man sich selbst und seine Überzeugungen auch kennt. Dass man sich selbst und seiner Überzeugungen sicher ist.

Mutig zu sein heißt auf der anderen Seite aber auch, sich selbst zu hinterfragen. Seine Beweggründe, seine Denk- und Verhaltensmuster. Und zwar schonungslos und immer und immer wieder. Dahin zu gehen, wo es schmerzt. Wo man eigentlich gar nicht hinsehen will, weil das, was man sieht, nicht dem sorgsam gepflegten Selbstbild entspricht. Mutig sein heißt, sich verändern wollen, wachsen wollen. Absolute Verantwortung zu übernehmen für sich und sein gesamtes Leben.

Und mutig zu sein heißt zu unterscheiden: Wichtiges von Unwichtigem, Wahres von Unwahrem. (Und vielleicht auch, wie es bei Patanjali heißt: Ewiges von Vergänglichem). Viveka-khyātir-aviplavā hānopāyaḥ – Mittel des Freiseins ist die ununterbrochene Erkenntnis durch Unterscheidungskraft, lautet Sutra 2, 26. Nur wer frei ist, kann auch mutig handeln, füge ich hinzu.

Staunen

Als ich begonnen habe, mich intensiv mit dem zweiten Aspekt dieses Sutra auseinanderzusetzen, dem Staunen, dachte ich zunächst, dies sei der schwierigste Teil (bis ich zur Zufriedenheit kam, aber dazu später). Denn je länger ich darüber nachdachte, umso weniger war ich mir sicher, ob ich wirklich staunen kann.

Wie ist das bei dir? Hast du heute schon gestaunt? Kannst du staunen? Also nicht über die spektakulären Dinge, wenn jemand ohne Sicherung eine Steilwand erklimmt oder sich aus Chaturanga Dandasana in den Handstand drückt. Nein, über die kleinen, die alltäglichen Dinge.

Wie schaffen wir es, im ganz normalen, alltäglichen Leben zu staunen? Wo wir doch alles kennen, wo wir doch ganz genau wissen, wie die Welt funktioniert!?

Achtsamkeit ist sicherlich eine Voraussetzung; die normalen Dinge bewusst und aufmerksam tun: bewusst schauen, bewusst gehen, bewusst kauen. Auch Unvoreingenommenheit gehört für mich dazu. Doch wie schwer ist es, unvoreingenommen an die Dinge heranzugehen, sich neugierig überraschen zu lassen, wo wir doch immer so feste Vorstellungen von allem haben … wie ein Essen schmecken muss, wie jemand zu agieren oder zu reagieren hat, dass ich nach der Yogastunde voller Energie sein und mich gleichzeitig total entspannt fühlen muss. Und wenn diese Vorstellungen nicht erfüllt werden? Dann sind wir, statt zu staunen, in der Regel unzufrieden oder enttäuscht.

Was uns am Staunen hindert ist zudem die Tatsache, dass wir alles für selbstverständlich nehmen. Doch wir selbstverständlich ist es denn, dass wir hier sind? Dass wir uns verständigen können? Dass wir Yoga praktizieren? Nein, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, es ist ein Wunder. Dass wir jeden Tag und an jedem Ort Nachrichten empfangen, Musik hören, Informationen austauschen  und wann immer wir wollen unseren Bio-Cappuccino trinken können? Es sind unglaubliche technische und kulturelle Errungenschaften, die dies möglich machen, und es sind Tausende von Menschen auf der ganzen Welt, die ihren Teil dazu beitragen; Menschen, mit denen wir, auf eine ganz subtile Art und Weise, durch unser (bewusstes) Handeln verbunden sind. Und ich empfinde es als sehr heilsam – und staunenswert – sich diese Zusammenhänge und Verbindungen immer wieder bewusst zu machen.

„Wenn du dich und andere zum Staunen bringen willst, dann mache die Dinge bewusst anders, als du sie sonst immer machst“, war ein Rat, den mir meine Heilpraktikerin erst vor zwei Wochen gegeben hat. Vielen Dank dafür! Auch das ist gar nicht so einfach. Aber ich glaube es lohnt sich, es immer wieder zu versuchen.

Zufriedenheit

Bist du zufrieden? Jetzt, in diesem Moment? Und generell mit deinem Leben? Was macht dich zufrieden, was macht dich unzufrieden?

Ich hatte jahrelang einen Job, der mich nicht zufrieden gemacht hat. Deswegen bin ich dankbar, dass ich den Mut gefunden habe, etwas ganz Neues anzufangen. Jetzt teile ich mir meinen Tag viel freier ein, habe mehr Zeit für Familie – und eine Arbeit, die mich komplett erfüllt: Yogalehrer, Besitzer eines Studios für Yoga & Pilates – ein Traum! Und wenn die Kurse dann voll sind, die Schüler mit einem Lächeln im Gesicht das Studio verlassen, ja, dann bin ich zufrieden. Viel mehr als das.

Doch was ist, wenn die Schüler ausbleiben? Was, wenn nur zwei oder drei Schüler in den Kurs gefunden haben und irritiert fragen: „Sind wir die einzigen?“ Was dann? Bin ich dann unzufrieden?

Ja, diese Gefahr besteht. Doch wie soll dauerhafte Zufriedenheit entstehen, wenn sie von Resultaten, von Erfolgen, von äußeren Umständen, die wir nicht beeinflussen können, abhängig ist? Dieses Problem haben auch die alten Yogis erkannt, und deshalb war ihnen vollkommen klar, dass wir Zufriedenheit nur in uns finden können und niemals im Außen. Dass wir so handeln müssen, dass uns die Handlung selbst zufrieden macht – und nicht erst ein erhofftes Ergebnis.

Eine Praxis mit Strenge und Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ohne Verhaftung an das Resultat, wird Kriya Yoga genannt“, ist (deshalb) eine ganz anders geartete, aber ebenso aussagestarke Übersetzung des Sutra 2, 1.

Tatsächlich bedeutet, was Ronald Steiner mit Zufriedenheit übersetzt – Ishvara pranidhana – soviel wie Hingabe an einen persönlichen Gott. Was dieser persönliche Gott ist oder sein könnte, ist freilich nicht so eindeutig. Ein Schöpfergott? Das wahre Selbst? Ein idealisiertes Wesen mit nahezu perfekten (menschlichen) Eigenschaften? Die Yoga-Philosophien lassen diesbezüglich viel Freiraum und lösen sich bewusst von herkömmlichen religiösen Vorstellungen. Auch vom „Annehmen seines Schicksals“ ist deshalb häufig in diesem Zusammenhang die Rede. Und damit sind wir wieder bei der Zufriedenheit – aber auch beim Mut.

Denn Schicksal ist im Yoga nichts, das unumstößlich ist oder über uns hereinbricht. Im Gegenteil. Wer wir sind und wo wir stehen ist das Ergebnis all der Handlungen, all der Entscheidungen, die wir in unserem Leben (oder in früheren Leben) getroffen haben. Wir allein sind verantwortlich dafür. Und es bleibt uns nichts, als dieses unser Leben anzunehmen, dankbar und demütig zu sein für das, was uns gegeben ist. Gleichzeitig können wir aber auch jederzeit unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir können jederzeit unserem Leben eine neue Richtung geben. Was am Ende dabei herauskommt, können wir nicht wissen. Wir können es nur annehmen und immer wieder aufs Neue unser Bestes geben, ohne dabei (allzu sehr) auf ein bestimmtes Resultat zu hoffen.

Was aber, wenn all diese Erkenntnis nichts nützt? Wenn mich auf einmal, wie aus dem Nichts, der Mut verlässt? Wenn es trotz aller Achtsamkeit und Bewusstheit nicht klappen will mit dem Staunen und der Zufriedenheit?

Dann versuche ich mich zu erinnern: Wer ich bin. Was ich kann. Was wirklich zählt im Leben. Und wer neben mir steht und hinter mir und mich unterstützt in meinem Tun. Und ich sage mir: Okay, dann ist das vielleicht genau mein Thema, und ich mache eine spirituelle Praxis daraus. Eine spirituelle Praxis, die beide Aspekte fördert: den Mut und die Demut.